Pressemitteilung –
Differenzen der TK-Branche lähmen Breitbandausbau

28. März 2011

15. Handelsblatt Jahrestagung “Telekommarkt Europa”
Konferenz: 17. und 18. Juni 2009, InterContinental Düsseldorf
www.tk-europa.de

Düsseldorf ,23. Juni 2009 “Ja, wir können buddeln, wir können sehr gut buddeln, aber dies ist eben teuer”, so Timotheus Höttges, Vorstand für Finanzen und Controlling der Deutschen Telekom, zum Auftakt der 15. Handelsblatt Jahrestagung Telekommarkt am 17. und 18. Juni 2009 in Düsseldorf. Damit bezog sich Höttges auf die Breitbandstrategie der Bundesregierung und die Schwierigkeiten, diese bald umzusetzen. Hier kann die digitale Dividende einen wichtigen Beitrag leisten, es stelle sich nur die Frage nach der Verteilung, so Professor Dr. Torsten J. Gerpott (Universität Duisburg-Essen/ Mercator School of Management), der die Veranstaltung vor über 100 Teilnehmern moderierte. Auf der Jahrestagung kamen 30 Experten der Branche zusammen, unter anderem diskutierten Timotheus Höttges (Deutsche Telekom), Matthias Kurth (BNetzA), Markus Schmid (TeleCombus Gruppe und PrimaCom), Thorsten Dirks (E-Plus Gruppe), Jürgen Grützner (VATM) und Alf Henryk Wulf (Alcatel-Lucent) über die Verteilung der freien Frequenzen, die daraus folgenden Konsequenzen und das Maß an staatlicher Regulierung.

Weitere Themen der Jahrestagung waren das mobile Internet – hier sprach unter anderem Dr. Stefan Tweraser von Google – integrierte Managed Services, Strategien für Mobilfunk und Festnetz sowie Auswirkungen der Krise auf die TK-Branche.

In Deutschland kein Umsatzwachstum bei TK-Diensten

Der Markt für Telekommunikationsdienste sei in Deutschland von 2007 auf 2008 leicht um 2,3 Prozent geschrumpft, so der Vorsitzende Prof. Gerpott. Im Festnetzgeschäft würde sich der Trend zur Nachfrage nach Sprachzugängen über DSL- Anschlüsse von Wettbewerbern auf Kosten der Deutschen Telekom weiter fortsetzen. So konnten alternative Anbieter im Vorjahr im Bereich VoIP /DSL ein Plus von 1,5 Prozent verzeichnen. Das Wachstumspotenzial von Breitbandanschlüssen beschränkt Gerpott auf nur noch etwa zwei Jahre, im internationalen Vergleich sei Deutschland in der Breitbanddurchdringung mit 59,3 Prozent Ende 2008 eher mittelmäßig gewesen. Gerpott erklärte einen Anstieg bei Video-/IPTV Umsätzen mittel- bis langfristig zwar für durchaus plausibel, doch dies sei wahrscheinlich nicht mehr als eine Kompensation von verlorenen Sprachtelefonieumsätzen. Wachstum sei laut Gerpott nur im Mobilfunk zu erwarten und auch dort beschränke sich die Hoffnung weitgehend auf die “Nicht-OECD-Staaten”, in Deutschland sei bestenfalls mit einer Umsatzstabilisierung zu rechnen.

Fusionen sind wahrscheinlich

Obwohl Kabelnetzbetreiber dank massiver Vermarktung die Zahl der Breitbandanschlüsse per Kabelmodem zum Jahresende 2008 auf 1,91 Millionen erhöhen konnten, seien sowohl für diese, als auch für alternative Festnetzbetreiber Zusammenschlüsse und Maßnahmen zur Effizienzsteigerung und Kostensenkung nötig, um angemessene Kapitalrenditen zu erwirtschaften. Gerpott schätzte Vodafone und Telefónica als aktive Konsolidierer ein, dagegen seien Freenet, Versatel und HanseNet Übernahmekandidaten. Ein Zusammenschluss der drei Anbieter Unitymedia, Kabel Deutschland und Kabel BW sei wahrscheinlich, würde das Bundeskartellamt seine Marktsicht ändern und die Private Equity Investoren sich nicht gegenseitig blockieren.

Die Technik kann es

Die gute Nachricht, so Höttges, sei, dass die technischen Voraussetzungen für großes Wachstum durch UMTS, VDSL und FTTH gegeben seien. Damit sei jedoch erst die Grundvoraussetzung geschaffen. Die neuen Anwendungen benötigten immer mehr Bandbreite: “Im Jahr 2015 werden 5000mbit/s für Anwendungen nötig sein. Das IP Volumen hat sich in den letzten zwei Jahren auf 1600 Petabyte (1 PB= 1024 Terabyte) verdoppelt.”

Investition in weiße Flecken muss sich lohnen

Die Bestrebungen der Bundesregierung zur flächendeckenden Breitbandversorgung mittels glasfaserbasiertem NGA ohne staatliche Subventionen kommentierte nicht nur Prof. Gerpott als unrealistisch. Die drei zur Verfügung stehenden Varianten FTTC, FTTB und FTTH zum Ausbau eines Glasfasernetzwerkes reichten nicht aus, da diese einer Wirtschaftlichkeitsprüfung nicht standhalten würden. “Ein Wettbewerber kann unmöglich 75 Prozent der Haushalte ökonomisch sinnvoll mit Glasfaser versorgen, dies ist kein Ziel für die TK Branche”, sagte Gerpott.

Das Verlegen von Kabel- und Glasfaserleitungen sei kostenintensiv, insbesondere für die Tiefbauarbeiten. Höttges beklagte, die Telekom werde bei einem Marktanteil von unter 50 Prozent noch immer wie ein Monopolist betrachtet. ” Wir sind nicht alleiniger Netzbetreiber.” Beim Glasfaser-Ausbau jedoch warte derzeit jeder darauf, dass die Telekom die Glasfaser lege und andere Anbieter diese anschließend günstig nutzen können. “Wir brauchen Planungssicherheit”, so Höttges. Fast alle Vorleistungen zum Glasfaserausbau kommen von der Telekom, doch die Kapitalbeschaffung sei momentan durch die Finanzkrise sehr teuer. Eine Refinanzierung der hohen Investitionen der Telekom für den Glasfaserausbau sei nur durch Umsätze möglich. “Die Telekom musste von 2005 bis heute einen Umsatzrückgang von 2,2 Prozent verzeichnen. Das soll mir jemand erklären, wie ein solches Geschäftsmodell funktionieren soll", sagte Höttges. Man müsse bei Regulierungsmaßnahmen zwischen neu gebauten und bereits vorhandenen Netzen unterscheiden. “Keiner erwartet, dass wir der Regulierung entkommen, aber für neue Investitionen muss es eine längerfristige Regelung geben, die uns eine Amortisation ermöglicht”, forderte Höttges.

BNetzA: “Wir werden keine Glasfaserleitung auf die letzte Alm legen”

Matthias Kurth, Chef der Bundesnetzagentur, warnte davor, das Thema Glasfaserausbau allzu ehrgeizig anzugehen: “Am Ende des Tages werden wir nicht Glasfaser bis auf die letzte Alm legen”. Auch sähe die Breitbandversorgung in Deutschland nicht allzu schlecht aus. Bestätigt werde dies durch den stetigen Anstieg der TAL um zwei Millionen von 2007 auf 2008. Auch die Versorgung der ländlichen Gebiete sei gesichert: “Wir haben eine leistungsfähige Infrastruktur, nur drei bis fünf Prozent der Gebiete sind nicht versorgt. Das Grundprodukt ist verfügbar, wenn auch zu höheren Gebühren und nicht unbedingt 50 mBit/s”, sagte Kurth.

“Regulierungsentscheidungen bilden die Grundlage für Wettbewerb und Investition.” Kurth räumte mit dem Vorurteil auf, bei Regulierungsmaßnahmen immer nur den niedrigsten Preis für den Verbraucher im Blick zu haben. Vielmehr habe man ein Zieldreieck vor Augen: Innovation, Investition und attraktive Preise. Kurth zufolge will die Bundesnetzagentur dem Ruf nach Investitionsanreizen für den Glasfaserausbau nachkommen. Dennoch könne es ein Schiedsrichter im Markt nie allen recht machen. Kurth sehe auch eine Verlängerung der Regulierungsdauer vor, um Investitionen die Möglichkeit zur Amortisation zu geben. Ein Gutachter werde prüfen, welche Auswirkungen der Breitbandausbau auf eine risikoadäquate Eigenkapitalverzinsung habe.

Kooperationen nützen dem Breitband

Konsens sei, dass Kooperationsmodelle dem Breitbandausbau förderlich seien. Ein konkreter Vertrag liege der Bundesnetzagentur bisher vor, sagte Kurth. Die Telekom und Vodafone wollen beim VDSL-Ausbau in Würzburg und Heilbronn zusammenarbeiten. Dies bestätigte auch Telekom-Finanzvorstand Höttges: “Wir sind in intensivsten Verhandlungen mit Vodafone”. Dazu müsse nur noch geklärt werden, inwieweit regulatorische und wettbewerbsrechtliche Maßnahmen ergriffen werden, so Kurth. Grundsätzlich begrüße Kurth Kooperationsprojekte regionaler Unternehmen und öffentlicher Träger mit dem Ziel, eine Internetstruktur zu schaffen und diese dann diskriminierungsfrei, transparent und offen zur Verfügung zu stellen. Würde dies funktionieren, müsse die Bundesnetzagentur nicht eingreifen. Wettbewerb sei der beste Treiber für Investitionen.

Jürgen Grützner vom Verband der alternativen Telekommunikationsanbieter ( VATM ) warnte davor, regionale Monopole entstehen zu lassen. “Wir müssen mit Kooperationen arbeiten, die den Wettbewerb aber nicht behindern dürfen.” Ein Fünf-Jahresplan sei unrealistisch, kein Unternehmen kann Endkundenpreise Jahre im Voraus bestimmen. Seit der Marktliberalisierung hätten die Wettbewerbsunternehmen im deutschen Telekommunikationsmarkt mehr als 40 Milliarden Euro investiert und trügen seit dem Jahr 2002 jährlich deutlich mehr als die Hälfte der Gesamtinvestitionen im Markt bei. Trotzdem seien mittelständisch geprägte Unternehmen durch die restriktive Kreditvergabe deutlich eingeschränkt.

Prof. Gerpott: “Frage nach der digitalen Dividende ist Schnee von gestern”

Die Frage nach der digitalen Dividende sei seit dem Beschluss vergangenen Freitag “Schnee von gestern”, so Prof. Gerpott. Inte ressant sei nun, wie die sechs Blöcke à zwei mal fünf aus insgesamt 60 Megahertz zugeteilt werden. “Die Vergabe der digitalen Dividende ist eine historische Chance, die bestehenden Benachteiligungen der E-Netz-Betreiber bei der Frequenzausstattung zu korrigieren”, meinte Thorsten Dirks, CEO der E-Plus Gruppe.

Laut Prof. Gerpott sähe die Bundesnetzagentur jedoch vor, vier der sechs Blöcke an das D-Netz und nur zwei Blöcke an das E-Netz zu verteilen. “Die E-Netz-Betreiber werden es verdammt schwer haben, die zwei kümmerlichen Frequenzblöcke zu ersteigern”, meinte Gerpott.

Aus Gründen der Wirtschaftlichkeit und dem vorhandenen Spektrum könne eine Vergabe der Frequenzen zumindest der “weißen Flecken” im Pool stattfinden, meint Alf Henryk Wulf, Vorstandsvorsitzender von Alcatel-Lucent . Dies ermögliche eine ausreichende Bandbreite pro Endkunde und würde die Frequenzen an diejenigen vergeben, die die angedachten Ziele garantieren können. Kurth will die Frequenzen Ende 2009 oder Anfang 2010 versteigern.

Das analoge Fernsehen ist am Ende

Es sei nur eine Frage der Zeit, so Markus Schmid, CEO & President der Tele Columbus Gruppe und Vorstandsvorsitzender bei PrimaCom, bis zum endgültigen “Switch off” des analogen Fernsehens, die vollständige Digitalisierung beseitige alle Kapazitätsprobleme. “Das Breitbandkabel ist dem Telefondraht überlegen. Die theoretische Kapazität des Koaxialanschlusses im 862-MHz-Ausbau liegt bei rund fünf Gigabit/s” und meinte weiter: “Wir sind am Anfang einer weitreichenden Entwicklung”. In Zukunft würden DSL und Kabel vom Kunden als einheitlicher Markt wahrgenommen, wobei das Fernsehangebot und Internet als Hauptentscheidungskriterien bei der Wahl des Telekommunikationsanschlusses gelten werde.

Dr. Andreas Bereczky, Produktionsleiter des ZDF, gab bekannt, dass Jugendliche im Alter zwischen 14 und 19 Jahren im Jahr 2008 das Internet intensiver als den Fernseher genutzt haben. Laut der ARD/ZDF Onlinestudie 2008 seien von Jugendlichen neben Standard-Diensten wie Suchmaschinen (88 Prozent) und E-Mail-Verwaltung (75 Prozent) im vergangenen Jahr insbesondere Instant Messenger (85 Prozent), Online-Communities (63 Prozent) und Videoportale (60 Prozent) in Anspruch genommen worden.

Live-Fernsehen bisher wenig gefragt

Der Abruf von zeitversetzten TV-Abrufen sei weit weniger nachgefragt, erklärte Dr. Bereczky weiter. Live-Fernsehen wird deutschlandweit von drei Prozent aller Internetnutzer in Anspruch genommen, bei den 14- bis 19-Jährigen sind es immerhin schon acht Prozent. Der klassische Fernseher im Wohnzimmer sei in der täglichen Mediennutzung weiterhin dominierend. Dr. Bereczky sprach dem Kabel einen strategischen Vorteil zu, denn durch die immer größeren Fernseher benötige man eine höhere Bandbreite.

Mit Smart Phones vom Digital Native zum Mobile Native

Dr. Stefan Tweraser, Country Director Sales von Google Deutschland, referierte über den Wandel im Konsum- und Kommunikationsverhalten des Kunden. Sicher sei, der Konsument individualisiere sich immer stärker und stelle diese Anforderungen auch an seine Produkte. Google setze daher auf hohe Reaktionsgeschwindigkeit, konstante Veränderungen und öffne sich auch der Konkurrenz. Die Software Android für mobile Endgeräte vereine diese drei Strategien und sei somit ein überlegenes Betriebssystem.

Auch Mark Selby, Vice President für Sales und Industry Collaboration von Nokia, sieht eine enorme Wandlung im Konsumentenverhalten. Er prognostizierte, dass bis zum Jahr 2012 25 Prozent der konsumierten Unterhaltung aus dem direkten Peer Circle stammen. Das heißt, Kunden nutzen die Inhalte, die andere User zur Verfügung stellen. Selby betonte die Bedeutung von Kooperationen und verwies auf die Zusammenarbeit von Nokia und Google.

Die mobile Internet-Revolution hat begonnen

“Der Mobilfunkboom zur Jahrtausendwende wiederholt sich heute im mobilen Internet”, sagte Lutz Schüler, Managing Director für Marketing und Sales bei Telefónica, O2 Germany. Die Marktbedingungen seien reif, es gäbe attraktive Internethandys, der Ausbau von HSDPA und HSUPA schreite voran und für den Kunden gebe es günstige Angebote.

Bis 2012 werde die Zahl der Internetnutzer von 12,2 auf 30 Millionen steigen, so Schüler. O2 könne zwei Millionen Neukunden pro Jahr verzeichnen. “Der Smartphonemarkt ist der einzige Markt, der wächst”, stellte Schüler fest. Jedoch führen Intransparenz sowie hohe Preise zu einer Skepsis unter den Kunden. Es sei nun die Aufgabe, “Hürden abzubauen”, indem Vorbehalte beseitigt würden. Mobilfunk und Internet wachsen zusammen und langfristig werde die mobile Internetnutzung auf dem Handy dominieren, ist sich Schüler sicher. Hauptziel bei O2 sei: “Mobiles Internet für alle.”

Smartphone als Medium für mobiles Internet

Thorsten Heins, Senior Vice President, Research in Motion’s Blackberry: “Ich glaube, dass alle technologischen Voraussetzungen gegeben sind, um das Smartphone zum Medium für mobiles Internet zu machen”.

“Wir sind an einem Punkt, an dem der Mobilfunk von der Sprache weg zur Datenübertragung geht”, sagte auch Torsten Dirks, CEO der E-Plus. Dieser gibt jedoch auch zu bedenken: “Die Masse der Kunden muss angesprochen werden, dies ist noch nicht der Smartphonenutzer”. Grundsätzlich gelte nicht etwa “One size fits all”, man müsse vielmehr auf die verschiedenen Bedürfnisse der Kunden eingehen. Eine solche Segmentierung komme gut bei den Kunden an. Dirks forderte: “Mut, auch mal die Branchenregeln zu brechen”.

Mobilfunk: Konvergenz und Konsolidierung in vollem Gang

“Der Kunde kann heute durch die Vielfalt des Marktes frei wählen”, so Frank Rosenberg, Geschäftsführer von Vodafone Deutschland und Arcor-Vorstand im Bereich Privatkunden. Die IP Technologie bringe noch keine erheblichen Vorteile. Derzeit stelle sich die Frage: “Wie kann ich Sprache und Dienste verbinden?”

Die Konvergenz der Endgeräte befanden alle Diskussionsteilnehmer als äußerst wichtig. Martin Börner, Head of Sales der Samsung Electronics GmbH sagte, wichtig seien offene Betriebssysteme, Kompatibilität, Plattformen wie Android oder Windows Mobile für das mobile Internet. E-Ticketing und Bezahlung mit dem Handy würden das Leben in Zukunft maßgeblich erleichtern. Achim Berg, Vorsitzender der Geschäftsführung, Microsoft Deutschland GmbH, Area Vice President International, stellte die Herausgabe einer neuen Software nach iPhone-Logik in Aussicht: “Kunden brauchen Konvergenz und Interparität”.

Bilder zur Tagung: http://www.konferenz.de/fotos-tke09-pr

Die 16. Internationale Handelsblatt Jahrestagung “Telekommarkt Europa” findet am 15. und 16. Juni 2010 in Düsseldorf statt.

Ihr Pressekontakt:
Claudia Büttner
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