Google lässt die Finger vom Telefonnetz
Der Streit zwischen Netzbetreibern und Inhalteanbietern um die Werbeeinnahmen aus dem Internet schwelt weiter
Handelsblatt 16. Juni 2010 von Sandra Louven
Der Webriese Google hat sein Geschäft in den vergangenen Jahren immer stärker ausgebaut und dringt nach dem Mobilfunk demnächst auch noch in das Fernsehgeschäft vor. Von einem Bereich lässt der US-Gigant aber die Finger: den Telefonnetzen. “Google hat nicht vor, ein eignes Netz zu bauen – weder im Mobilfunk noch im Festnetz”, sagte Robert Hamilton, Produktchef von Google, dem Handelsblatt am Rande der Handelsblatt-Tagung Telekommarkt Europa gestern in Düsseldorf. Damit erteilt er Spekulationen eine Absage, Google plane den Aufbau eines eigenen Netzes.
Um die Nutzung der bestehenden Netze ist ein heftiger Streit mit deren Betreibern entbrannt. Sie beschuldigen Inhalte-Anbieter wie Apple und Google, mit ihren datenintensiven Diensten viel Bandbreite zu verschlingen, ohne dass sie sich an den Kosten für deren Bereitstellung beteiligen. “Unsere Umsätze gehen zu großen Teilen ins Silicon Valley”, schimpfte etwa Olaf Swantee, Executive Vice President von Orange, der Mobilfunktochter von France Télécom, auf der Handelsblatt-Tagung, und er meinte Apple und Google, die im Valley ihren Sitz haben.
Auch die Investoren der Deutschen Telekom üben Druck auf den deutschen Marktführer aus, weil der Milliarden investiert, um seine Netze für neue Dienste wie Videos zu erweitern, während die begehrten Werbeeinnahmen meist bei Google landen. In den USA läuft deshalb seit langem eine Debatte, inwieweit sich Anbieter wie Apple und Google an den Kosten für den Netzaufbau beteiligen sollten.
Die Infrastruktur stellt einen der wenigen Bereiche dar, in die Google nicht vordringt. In der vergangenen Woche führte der Internet-Konzern in Europa Sprachbefehle und eine gesprochene Übersetzung ein. Nutzer können damit im Ausland einen Satz in ihr Handy sprechen, das dieses in der Landessprache vorliest. Bislang dauert die Übersetzung noch einige Sekunden, doch das soll sich bald ändern. “In zwei Jahren sollen unsere Systeme soweit sein, dass sie simultan übersetzen”, sagt Hamilton.
Geplant ist zudem eine Google-Suchmaschine für alle App-Stores. “Je mehr Apps es gibt, umso schwieriger ist es, die Guten zu finden – dabei wollen wir helfen”, kündigt Hamilton an. Kooperationen mit den Betreibern der App-Stores seien zwar hilfreich, aber nicht unbedingt nötig, da die meisten ihre Inhalte ohne Zugriffsbeschränkung veröffentlichten.







